Alles begann im Sommer 1992 auf einer alten Ritterburg in Bayern. Dorthin hatte es mich und meinen besten Kumpel aus Hamburg auf eine Jugendfreizeit verschlagen. Wir hörten Nirvana und Soundgarden, waren seit „Basic Instinct“ in Sharon Stone verknallt und fanden uns einfach unwiderstehlich cool, wie wir so in unseren Grunge-Outfits über die Gänge schlurften.
Eines Tages öffnete sich vor uns eine knarzende Eichentür. Darin stand der Zivi des Hauses und roch nach Hasch. Er winkte uns hinein in seine Bude und lud uns ein, auf seiner zerschlissenen Couch Platz zu nehmen. Er müsse uns etwas zeigen, raunte er noch. Dann drehte er seine mit riesenhaften Hi-Fi-Boxen versehene Anlage bis zum Anschlag auf und die nun folgenden Klänge sollten unser Leben für immer verändern.
Anfangs betörten noch märchenhafte Trompeten- und Saxophon-Töne unsere Ohren. Doch schon wenige Augenblicke später ließ ein sagenhafter Luftdruck unsere ungewaschenen Teenager-Zotteln wie von einem gigantischen Föhn verblasen in alle Richtungen fliegen. Es waren die ersten, knallharten Gitarrenriffs vom Opener “Belle De L’ombre / Walk On” des gerade veröffentlichten, zweiten Albums „Nook“ einer damals noch recht unbekannten Band rund um die beiden Brüder Markus und Micha Acher aus Weilheim in Oberbayern, die uns da entgegenflogen. Double Bass, Noise, Metal, kontrastiert und doch wundersam getragen von Markus Achers ruhiger, melodischer Stimme.
Was das alles mit The Notwist zu tun hat? Die meisten kennen die Band wahrscheinlich eher aus ihren Elektro-Indie-Zeiten, die spätestens mit „Neon Golden“ begannen. Doch schon auf ihrem Debut „The Notwist“ zelebrierten die Acher-Brüder Anfang der 1990er einen melodischen Hardcore-Punk-Sound, der bis heute hierzulande seinesgleichen sucht. Um Geld für ihr “Alien Disko“-Festival zu sammeln, spielen The Notwist diesen Herbst ein paar Konzerte, unter anderem am 8. und 9. November im Knust, und das in einer reduzierten ‚Pocketband‘-Variante. Das Programm der beiden Abende ist zusammengestellt aus vielen Hardcore-Punk-Stücken der ersten drei Alben der Band, gekoppelt mit neueren Songs. Es darf also in musikalischen Erinnerungen geschwelgt werden …
Leider sind beide Konzerttermine schon restlos ausverkauft. Doch schon am 26. April kommen The Notwist wieder nach Hamburg – dieses Mal in die Große Freiheit 36, in voller Besetzung und mit einem neuen Album im Gepäck …
Text: Daniel Seemann
Foto: Johannes Maria Haslinger
