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    You are at:Home»Reeperbahn Festival 2024»Rückblick: So war das Reeperbahn Festival 2024
    Foto: Robin Schmiedebach Photography
    Reeperbahn Festival 2024

    Rückblick: So war das Reeperbahn Festival 2024

    By Taya3. Oktober 2024Updated:3. Oktober 2024Keine Kommentare6 Mins Read

    Feinsinnige, konträre Arrangements, tiefe Emotionen und sphärische Klänge: Das Reeperbahn Festival 2024 zeigte auch in diesem Jahr erneut ein buntes, musikalisches Potpourri aus über 450 Acts aus 35 Nationen. Ohne die großen Headliner vergangener Jahre, wie etwa Muse, blieb Raum für unerwartete Entdeckungen und intime Begegnungen mit internationalen Künstlern. Umso mehr konnte man sich entspannt durch die pulsierenden Clubs St. Paulis treiben lassen, von einer elektrisierenden Performance zur nächsten, ohne die übliche Geduldsprobe langer Schlangen.

    Einer der beeindruckendsten Auftritte kam vom Schweizer Benjamin Amaru, der im Mojo Club eine betörende Fusion aus Indie-Pop und neoklassischen Elementen präsentierte. Mit seinen melodischen Ausschlägen und den harmonischen Wendungen in seinen Songs ist er zweifelsohne ein Name, der noch lange nachklingen wird. Parallel dazu schufen die Mighty Oaks im Imperial Theater mit ihrem charmanten Humor und einem minimalistischen Akustik-Set eine fesselnde Atmosphäre. Ihre Show war von einer intimen Leichtigkeit geprägt – ohne Frage eines der Festivalhighlights. Nicht weniger energiegeladen brachten Those Without mit ihrem schwedischen Dance & Step-Punk-Pop die Bühne im Bahnhof Pauli zum Beben und ließen die Punk-Pop Herzen höher schlagen.

    Mehr Punk als Pop und dazu Ska und Reggae und ein wenig mehr zockten die tollen Rat Boy im mächtig gefüllten Molotow. Beste Stimmung, ein letzter gar nicht so langsamer Pogo und eine gute Sache obendrauf. Denn zusammen mit  Sam Akpro und Late Night Drive Home bildeten sie das Line-Up der Epitaph/Anti/Hellcat Night in Support of Sea-Watch. Was bedeutete: Sea Watch auf der Bühne und Charity am Merchandise-Stand, dazu Soul, Funk, Rock und mehr auf die Ohren. Klasse Momente im Molotow, das an diesem Freitag Abend meist komplett überfüllt war. “Karate Keller ist voll” bei Nein Danke, Backyard überfüllt bei den wirklich guten Girl And Girl und eine volle Skybar bei Girlband und Maruja. Wer aber dabei war, der feierte besonders Letztgenannte. Lärmemonster mit Saxophon, laute Kunst und beste Unterhaltung.

    Ebenso voll war es bei Stuzzi. Würde die Copacabana an der schwedischen Küste liegen, stünde Stuzzi wohl an einer der vielen Beach Bars, würde Cocktails mixen und dabei seine eigenen Tunes auflegen. Die handeln nämlich fast ausschließlich von Fruttimango garniert mit einer frischen Grapefruit-Scheibe oder Chillibanana mit einem Schuss Maracuya und hören sich auch genauso an. Dementsprechend spritzte der Mojo Club beim einzigen Konzert des DJs und Multi-Instrumentalisten auf dem Reeperbahn Festival auch aus allen Nähten. Spätestens als der augenscheinlich nur so vor karibischem Lebenssaft strotzende, regelmäßig für den Swedish National Radio Award nominierte Ausnahmekünstler mit Hawaiihemd und ausgefranstem Strohhut die Bühne betrat war klar, dass an diesem Abend kein Sandkorn auf dem anderen bleiben würde. 70er-Jahre-Disco-Vibes und kolumbianische Cumbia-Sounds vereinigten sich mit treibenden Funk-Beats zu einem unvergesslichen Musikelixier, das noch lange in den Ohren beim Lustwandeln durch die spätsommerlich warmen Straßen der Hansestadt nachhallte.

    Wer während des Reeperbahn Festivals schon einmal bei einem Konzert im Imperial Theater gesessen hat, der weiß, was für ein besonderer Ort dies ist, um den Künstlern und Künstlerinnen ganz besonders nah zu sein, versunken in samtroten Plüschsesseln. Allerdings schaffen es nur ganz wenige, in diesem intimen Rahmen ihre Geschichten derart einfühlsam zu erzählen wie der schottische Singer-Songwriter Jacob Alon. Ein akustischer Seelenstriptease mit Liedern über Gefühle wie dem Alleinsein, der Sehnsucht, dem Verlangen, der Lust und der Erfüllung, die wir oft mit der Liebe assoziieren und die uns meistens ebenso rasant überkommen wie sie wieder verschwinden. Von dieser unheimlich vergänglichen Zerbrechlichkeit singt Alon mit seiner unfassbar klaren Falsettstimme, begleitet von seinem fast schon harfengleichen Gitarrenspiel. Die musikalischen Gänsehautmomente, die er dadurch erzeugt, wirken noch lange nach und bilden einen faszinierenden Kontrast zu dem lauten Treiben, das die Zuhörer und Zuhörerinnen empfängt, sobald sie wieder durch die schweren Holztüren des Lustspielhauses auf den Strip des Lebens hinausschweben und damit verschmelzen.

    Wer nicht an den Zufall glaubt, der muss in der Geschichte dieser Band wohl oder übel schicksalshafte Züge erkennen. Denn als die fünf Jungs, um die es hier geht, eines Tages ein wenig zu früh zu den Proben ihres Schulchors im südafrikanischen Township Hammarsdale erschienen, machten sie kurzerhand das, was sie bis heute ausmacht: Spaß haben. Um sich die Zeit zu vertreiben, starteten sie einen spontanen A capella-Jam und hatten so viel Freude daran, dass sie wenig später ihre eigene Gesangsgruppe gründeten – The Joy war geboren. Keine Overdubs, kein Autotune, kein Schnickschnack. Nur mit ihren fünf Stimmen, die von wärmstem Bass bis zu schillerndstem Sopran alle Bandbreiten der vokalen Tonfrequenzen abdecken, erzeugen sie einen Sound, der vom Gesangsstil her direkt an Isicathamiya und Mbube angelehnt ist – zwei Vokaltechniken des Volkes der Zulu. Dieses Jahr erschien ihr Debütalbum, das ganz simpel nach der Band selbst betitelt ist, live aufgenommen in den Church Studios in London. Dass sie gerade live eine umwerfende Wirkung entfalten, bewiesen sie auf dem Reeperbahn Festival im Kaiserkeller, wo sie ihr erstes von drei Konzerten gaben. Kaum erklangen ihre Stimmen, war der Raum umgehend erfüllt von den durch und durch authentischen, unbeschwerten und zutiefst berührenden Vokalharmonien der fünf Sänger. Und trotz der Sprachbarriere erzeugten sie vom ersten Ton an eine derartige Nähe zu und Vertrautheit mit ihrer Musik, dass spätestens beim letzten Song auch dem steifsten Zuhörer unwillkürlich das Wasser in die Augen stieg. Nach einem tosenden Applaus torkelte das gesamte Auditorium wie von guten Mächten wunderbar beseelt in die stampfende Nacht auf dem Kiez hinaus – full of The Joy.

    Starke Stimmen lieferten auch der Londoner Soul-Sänger Lewis Fitzgerald, der die ganz großen Emotionen auf die Bühne brachte, sowie der Singer-Songwriter Alex Warren, welcher mit seinen hymnischen Hooks den Kaiserkeller verzauberte. Warren ist ein Künstler, den man auf weitaus größeren Bühnen erwarten würde, umso intimer und uniquer war dieser Abend.

    Zum Abschluss der vier Tage versetzte das isländische Composer-Duo Kiasmos die Festivalgänger nochmal mit ihren hypnotischen, elektronischen Klanglandschaften in tranceartige Sphären, katapultierte sie in eine angenehm warme Stratosphäre voller Beats von schlichter Eleganz. Ólafur Arnalds und Janus Rasmussen haben schon immer die Grenzen des Genres verschoben und sie in einer ganz eigenen Symphonie der Zwischentöne verschmelzen lassen und waren der krönende Abschluss, bevor es Samstagnacht in gewohnter Manier weiter auf den Dancefloor des Molotows ging.

    Nach dem Reeperbahn Festival ist vor der nächsten Saison, am 17. – 20. September 2025 geht es in die nächste Runde – wer clever ist, sichert sich schon jetzt seine Early Bird Tickets.

    Text: Tanja Kilian, Daniel Seemann & Mathias Frank
    Foto: Robin Schmiedebach Photography

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