Ab und zu gucken wir hier bei concert-news auch hinter die Kulissen. Für unser heutiges Gespräch haben wir Jens Pfeifer, den Macher hinter den Hamburger Küchensessions, getroffen. Geboren in Oldenburg merkte er mit Anfang 30, dass sich in seinem Leben etwas ändern sollte: Es folgte der Umzug nach Hamburg, wo er bald begann ausgewählte Künstler und zahllose Hörbücher zu produzieren und klanglich zu veredeln. Seit September 2010 lässt er Künstler in seiner Küche spielen, filmt sie dabei und stellt die Videos auf seinen Youtube-Kanal, wo sie zum Teil über 200.000 Zugriffe verzeichnen. Mittlerweile waren über 130 Künstler bei ihm zu Gast und ein Ende ist nicht in Sicht.
Hallo Jens. Denkst Du morgens beim Kaffee kochen eigentlich manchmal darüber nach, wer schon alles auf dieser Küchenbank gesessen und musiziert hat?
Morgens stehe ich oft noch nicht auf, aber wenn ich da so stehe, denke ich schon öfter mal darüber nach, wie verrückt die ganze Sache irgendwie ist.
Die Hamburger Küchensessions machst Du seit über vier Jahren. Hattest Du damals einen Anlass, eine Initialzündung, einen Plan?
Eigentlich habe ich damals mit meinen Kumpels Tomas Engel und Jürgen Ufer einfach die Kamera aufgebaut, da wir für sie ein paar Promo-Videos machen wollten. Da wir nur ganz schlechte Kameras und keine Ahnung vom Filmen hatten, ist es dann schwarz/weiß geworden. Nach der 3. Session kam dann schon eine Anfrage von außen. Das war damals der gute Sebastian Hackel. Danach ist es irgendwie ein Selbstläufer geworden.
Gab es denn Vorbilder für die Idee?
Eigentlich kannte ich damals nur Balcony TV, die ich aber als eher wenig ambitioniert empfand.
Und weißt Du andersrum von Nachahmern?
Es gibt sowas ähnliches in Dänemark und ganz sicher auch noch ganz oft woanders. Hausmusik wird es immer geben. Und irgend jemand wird immer mit der Kamera drauf halten. Nur habe ich irgendwann angefangen, Spaß dafür zu entwickeln, ein Netzwerk aufzubauen, neue Leute kennen zu lernen und die Sache bekannter zu machen.
Wie es begonnen hat, hast Du eben bereits beschrieben. Wie muss man sich das denn heute vorstellen? Wie kommst Du an Deine Künstler heran? Oder kommen sie auf Dich zu? Du hast ja von völlig unbekannten, bis zu größeren Namen, wie Olli Schulz, Gisbert zu Knyphausen oder kürzlich Die Höchste Eisenbahn, einiges im Portfolio.
Die bekannten Namen frage ich natürlich an, die kommen meist nicht so einfach auf mich zu. Als Enno Bunger persönlich anfragte, habe ich mich aber sehr gefreut. Langsam kennen mich Plattenfirmen, Booking Agenturen oder Online Promofirmen aber auch und fragen für ihre Bands an. Oder ich nutze mein entstandenes Netzwerk. Manchmal passieren dann wundervolle Dinge, da viele Musiker in verschiedenen Bands spielen, ergeben sich auch daraus interessante Empfehlungen und Verbindungen. Außerdem kommen mitlerweile recht viele Anfragen direkt von Bands und Musikern.
Entstehen daraus auch Freundschaften oder zumindest Verbindungen?
Lose Freundschaften entstehen schon hier und da. Man ist sich halt meistens sympathisch, zieht dann aber weiter. Der Kontakt bleibt aber und das macht es später leichter, wenn es darum geht, gemeinsame Konzerte zu veranstalten etc.
Die Küchensessions-Familie umfasst mittlerweile nicht nur den Youtube-Kanal, sondern ein eigenes Festival, eine Sampler-Reihe, Merchandise, Open Air-Konzerte auf dem Lattenplatz und ganz neu kommt nun auch noch ein eigenes Label hinzu. Das ist sicherlich genug Arbeit, für einen Vollzeitjob, oder?
Man könnte spielend drei komplette Arbeitstage pro Woche damit füllen. Ich mag aber seit meiner Bürokaufmannszeit keine nine-to-five Jobs mehr. Ich bin deshalb ganz froh, wenn ich Dinge erledigen kann, wenn sie passieren, oder ich spontan reagieren muss. Außerdem habe ich mittlerweile Hilfe bekommen. So hat z.B. die liebe Leonie durch die Sommerkonzerte geleitet, was mir selbst gar nicht liegt, und die liebe Caro hilft mir sehr bei der Öffentlichkeitsarbeit, Festivalplanung, T-Shirt-Entwurf, Herstellung und Marketing. Meine liebe Freundin Claudia ist ja sowieso immer helfend dabei.
Ich selbst durfte auch schon bei Aufzeichnungen dabei sein. Was mir aufgefallen ist, ist die entspannte Atmosphäre, in der all das abgelaufen ist. Selbst wenn mal eine Band zeitlich unter Druck stand, wie neulich bei Die Höchste Eisenbahn, hast Du in aller Seelenruhe aufgebaut und das hat sich direkt auf die Künstler übertragen. Sie haben rumgealbert und waren binnen kürzester Zeit völlig entspannt. Das hat mich sehr beeindruckt.
Das habe ich schon öfter gehört und das höre ich natürlich gerne. Eigentlich mache ich gar nichts spezielles. Es ist wohl typbedingt und kommt der Situation entgegen. Die meisten Künstler ziehen weiter mit dem Gefühl, dass sich der Aufenthalt gelohnt hat und sie eine nette Zeit mit leckerem Kaffee und lustigen Plaudereien hatten.
Was würdest Du denn noch als Teil des Konzeptes bezeichnen?
Auf jeden Fall die reduzierte Optik und der gute Ton der Aufnahmen. Ich nenne das “musikalische Begegnungen ohne akustische Kompromisse”.
Und was hat es mit dem Grünkohl auf sich, der irgendwie immer wieder Erwähnung findet, wenn es um die Küchensessions geht? Wo kommt Dein ausgeprägtes Faible dafür her?
Ich liebe Grünkohl. Das kommt von meiner Oma Gerta. Sie war die Lichtgestalt der Familie und hat stets alle um ihren Wohnzimmertisch versammelt wenn es gen Winter und Grünkohlzeit ging. Später habe ich dann das Kohlkochen für mich selber entdeckt und auch beschlossen, dass es keine Grünkohlzeit gibt. Bei mir gibt’s den Kohl das ganze Jahr über. Diese Geschichte hatte ich wohl dem NDR erzählt, als Jon Flemming Olsen zu Gast war und wir einen kleinen Bericht gefilmt haben. Später wurde daraus dann die Schlagzeile “Grünkohl gegen Konzert – Jetzt ist aus dieser Idee ein ganzes Festival geworden”. Daraufhin habe ich mir dann gedacht: “Keine schlechte Schlagzeile” und habe das einfach weiter gespielt. Natürlich koche ich NICHT jedesmal Kohl, wenn ich Musikerbesuch bekomme.
Morgen geht es an dieser Stelle mit dem zweiten Teil unseres Gesprächs weiter.
Interview: Nils Schlueter
