Fernab von ultra hippen Städten wie New York oder Los Angeles liegt der sogenannte Mittlere Westen der USA. Geprägt von Landwirtschaft und Industrie wird den Bewohnern vor allem Bodenständigkeit nachgesagt. Dies gilt auch für die Stadt St. Joseph in Missouri inmitten des Midwest. Mit ihren 77.000 Einwohnern spielt sie zudem in einer Bevölkerungsliga mit internationalen Schwergewichten wie Castrop-Rauxel oder Delmenhorst. Klingt alles solide, aber auch langweilig.
Allerdings ist der Midwest auch jene Gegend, die Slipknot die Wut (Des Moines, Iowa) und Conor Oberst die Melancholie (Omaha, Nebraska) gelehrt hat. Daher ist es nicht zwingend verwunderlich, wenn nun mit Radkey eine junge talentierte Band auf einmal allerorts abgefeiert wird, die aus St. Joseph in Missouri inmitten des Midwest kommt.
Verwunderlich ist es aber doch. Ja, sie spielen einen tollen, packenden Punkrock, der ein ganzes Feuwerwerk an Referenzen startet, sobald man die ersten paar Takte gehört hat. Nicht nur musikalisch erinnert da viel an Jimi Hendrix, Misfits, Ramones, The Who und ganz konkret Death. Aber angesichts der Tatsache, dass die drei Brüder Gitarrist und Sänger Dee (20), Bassist Isaiah (18) und Drummer Solomon (16) blutjunge Hüpfer sind, fragt man sich dann doch, wo die denn auf einmal herkommen. (Ja, aus St. Joseph. Schon klar, ihr Naseweise da draussen! Ihr wisst, was ich meine…) Darum haben wir Investigativjournalisten von concert-news Radkey zum Interview gebeten. Wir gehen dahin, wo es weh tut! Wir gehen dem Hype auf den Grund! Oder so ähnlich.
Gary, der Tourmanager rotiert gerade zwischen Merchkartons und Bandequipment, das wohlverteilt in der Knust Bar rumsteht. Er ist außerdem Roadie, Soundmann und Kindermädchen in Personalunion. Denn auch wenn Radkey bereits in Medien wie dem Guardian oder dem hype-ventilierenden NME stattgefunden haben, sie haben noch nicht mal ein Album herausgebracht. Erst vor ein paar Tagen ist ihre zweite EP ”Devil Fruit†erschienen. Sie sind noch eine sehr kleine Band. In Europa hat man zwar von ihnen gehört, aber noch hat sie kein Schwein live gehört. Zumindest vor dieser Tour.
Die Jungs seien gerade um die Ecke in der Wäscherei, ob ich sie dort treffen könne. Sie lungern bereits vor dem fast leeren Waschsalon rum und wir lassen Bandroadie Nr. 2 (und gleichzeitig der Papa der Radkeys) kurz mit den nassen Shirts zurück.
Moin Jungs, willkommen in Hamburg! Na, das ist doch der wahre Rock’n Roll den ihr hier lebt, oder?
Isaiah (lacht): Ja total! Aber wir sind sehr froh, dass wir unsere Sachen mal ordentlich waschen können. Das war dringend nötig.
Wie gefällt euch Deutschland denn? Konntet ihr schon etwas von Hamburg sehen?
Isaiah: Deutschland ist super! Leider haben wir noch nicht so viel gesehen. Zwar waren wir gestern kurz in Berlin unterwegs, aber es geht doch alles sehr schnell. Hier in Hamburg haben wir eigentlich nur das Venue, diesen Salon und den großen Fernsehturm gesehen. Was uns aber auffällt, ist wie gut sich die Deutschen um Bands kümmern. Das ist total super. In den USA ist das ganz anders, da haben wir noch nie etwas von dem bekommen, was in unserem Rider steht.
Soso, was steht denn da in eurem Rider?
Dee: Ach, nichts Besonderes eigentlich. Ein paar Snacks halt.
Isaiah: Ja, aber es fällt auf, dass man uns als Band hier irgendwie mit mehr Respekt begegnet.
Solomon: Haribos!
Isaiah: Stimmt! Haribos mögen wir sehr gerne. Und Currywurst. Die haben wir gestern in Berlin gegessen. (grinst)
Tragisch! Der Gründer von Haribo ist letzte Woche erst gestorben. Aber ihr fahrt ja morgen nach Köln, vielleicht könnt ihr einen Abstecher nach Bonn in die Fabrik machen?
Isaiah: Oh, das ist ja traurig! Es wäre echt cool, dahin zu fahren. Aber wird zeitlich wohl nicht hinhauen. Wir fahren dann gleich weiter nach Holland. Es ist verrückt, aber toll!
OK, dann fangen wir mal an. Was ist die nervigste Frage, die euch bisher gestellt wurde?
Alle drei denken angestrengt nach.
Isaiah: Hm … Eigentlich sind ja alle Fragen valide. Daher ist das schwierig zu beantworten.
Dee: Ich finde, die Frage, wie das alles mit uns angefangen hat, anstrengend. Aber auch nur, weil man da so viel erzählen muss. Das fällt mir schwer.
Na dann! Wie hat es denn angefangen? Brecht es doch mal auf zwei Sätze runter.
Isaiah: Also eigentlich hat es mit unserer Bewerbung beim SXSW angefangen. Damit haben wir wohl einige Leute überzeugt und einen Gig vor ca. sieben Leuten gespielt.
Dee: Darunter waren ein paar Leute aus England, die uns gut fanden. Und dann passierte viel in kurzer Zeit.
Tatsächlich hat man den Eindruck, dass die Jungs selbst nicht so ganz fassen können, wie ihnen geschieht. Allerdings ist ein Gespräch aufrechtzuerhalten wirklich nicht leicht, weil die Jungs sehr zurückhaltender Natur sind. Gehört das zur midwestlichen Bodenständigkeit? Vielleicht ist es auch ein wenig die Überforderung mit all den neuen Eindrücken der Tour? Alle drei sind “home schooled”. Das heisst, dass sie keine normale High School besucht haben, sondern von ihren Eltern unterrichtet worden/werden. Daher hatten sie auch wenig Kontakt zu Gleichaltrigen.
Wie kommt man auf die Idee ausgerechnet mit den Brüdern eine Band zu starten?
Isaiah: Nun, es hat einfach am meisten Sinn ergeben. Wir verstehen uns sehr gut, hängen ja sowieso die ganze Zeit gemeinsam rum und haben unseren Proberaum auf dem Dachboden unseres Elternhauses.
Was sagen denn eure Eltern dazu? Sowohl zum Musizieren, als auch zu eurem bisherigen Erfolg?
Isaiah: Die fanden das immer gut und haben uns unterstützt. Leider ist unsere Mutter wegen der Katzen zu Hause geblieben. Und Papa hast du ja gerade kennengelernt. Es war ja auch seine Musiksammlung, die uns musikalisch sehr geprägt hat.
Stimmt, das habe ich auch schon gelesen. Aber es gibt doch sicher auch aktuelle Bands, die euch beeinflussen oder die ihr mögt?
Isaiah (denkt): Also, auch Nirvana oder Weezer sind für uns wichtige Bands (neben den oben bereits erwähnten; Anmerkung des Investigativjournalisten)
Dee: Kennst du The Orwells? Die sind super!
Isaiah: Oder The So So Glos aus New York. Die solltest Du dir auch mal anhören!
Bei meiner Recherche ist mir aufgefallen, dass ”Devil Fruit†die Katalog Nummer LMR01 hat. Es ist also das erste Release von Little Man Records. Sonst findet man nahezu keine Infos über das Label. Ist es euer eigenes?
Alle drei (strahlend): Ja!
Isaiah: Es ist tatsächlich unser eigenes kleines Label. Erstmal wollen wir darüber unsere eigenen Sachen rausbringen. Im April wollen wir gerne unser Debut veröffentlichen. Glücklicherweise haben wir ein paar Leute, die uns finanziell mit dem Label supporten.
Viel mehr lässt sich über das Label auch nicht herausfinden, denn die Jungs geben zu, damit noch ganz am Anfang zu stehen. Die Wäsche ist fertig! Und so palavern Dee, Solomon und ich noch ein wenig, während Papa und Isaiah die Unmengen an Bandshirts sachgemäß in den riesigen Rollkoffer packen. Es geht um Serien und ich versuche die finale Breaking Bad Staffel nicht zu verspoilern. Dafür blüht Dee beim Thema Game of Thrones auf und Solomon referiert über wichtige Anime-Serien (Dragonball, Cowboy Bebop, …), die ich mir dringend anschauen soll. Anschließend laufen wir im Gänsemarsch zurück zum Knust und verabschieden uns. Ob man sich heute abend beim Konzert nochmal sehe, fragen sie. Ja klar, aber erstmal muss ich Heim, meine Wäsche machen (True Story!).
Am Abend lassen sie auf der Bühne jegliche Zurückhaltung fallen. Jede Rockstargeste sitzt, weil tausend Mal auf dem heimischen Dachboden geübt. Isaiah gibt den Bühnenclown mit herrlich unbeholfenen Ansagen (“We’re Radkey and, uhm, that’s whats up!”) , Dee den coolen Punksänger (Wahnsinnsstimme!) und Solomon den eifrig-wahnsinnigen Mann am Schlagzeug. Radkey sind keine politische Band. Sie haben auch keine großen Ambitionen. Die wollen einfach nur spielen! Sie hoffen, dass sie 2014 eine große Tour auf die Beine gestellt bekommen, denn nach Japan zu reisen, wäre Dees großer Traum. Ob er in Erfüllung geht, kann man nicht sagen. Nach dem Konzert höre ich folgenden Satz: ”Entweder man hört in drei Monaten nichts mehr von denen oder die gehen total durch die Decke!†Wir wünschen Radkey natürlich letzteres! (gs)