“Lightning Bolt” heißt Pearl Jams Zehnte. Schlägt ein wie ein Blitz? Na, mal sehen. Hier die Begleitumstände dieser Rezension: das erste, nach wie vor mit Stolz selbst gekaufte Album des Rezensenten: “Ten” Pearl Jams Debüt vor 22 Jahren. Seitdem alles mitgemacht, für weitere 4 Alben heiß geliebt, dann zwei Alben lang aus den Augen verloren, langsames wieder Annähern, großartige Live Momente, eine komplette Festival-Besucherschaft, die noch weit nach Ausklang im Stockdunkel auf dem Weg zur Stangen-Planen-Behausung die uhuhuhs aus ‚Black‘ weiter singt. Große Hallen, große Gesten, plötzlich alle erwachsen.
Dann wollen wir mal, Track by Track. Der Opener “Getaway” zieht schnell und recht spurlos an einem vorbei. Das folgende “Mind Your Manners” – die erste Single – hatte man schon gehört. Eine Fortsetzung von “Lukin” aus “No Code”, irgendwie fast Punk. Danach: “My Father´s Son” etwas gebremster, exemplarisch, so klingen Pearl Jam heute, irgendwie schon mal gehört. “Sirens” die erste akustische Gitarre des Albums und zum ersten Mal fühlt man sich etwas mehr zu Hause, selbst wenn sich Eddie Vedders Stimme ab und an, Moment, wirklich, ja, auch wenn sie sich ab und zu überschlägt, haben sie einfach so gelassen.
Track 5 dann “Lightning Bolt”, der Titeltrack und so langsam fühlt man sich zu Hause, so kennt man das. Das folgende “Infallible” hält den Pegel, zunehmend fällt auf, dass das Gitarrensolo in der Tat nicht tot ist, es trägt die Songs nur leider nicht mehr so, wie früher. Das spärlich instrumentierte “Pendulum” erinnert an “Indifference”, den grandiosen Abschluß von “VS”. Das nun folgende “Swallowed Whole” und auch “Let The Records Play” hinterlassen einen ein wenig ratlos. Das folgende “Sleeping By Myself” weitestgehend akustisch lässt kurz wehmütig an Schönheiten wie “Better Man” oder “Nothingman” denken. Dann “Yellow Moon” und das abschließende “Future Days” und man macht seinen Frieden mit “Lightning Bolt”. So hatte man sich das vorgestellt, nur eben über alle zwölf Runden.
Man könnte jetzt sagen: Muhammed Ali hat am Ende auch nicht mehr jede Runde gewonnen, oder direkt einen K.O. geschafft, musste er aber auch gar nicht, eine große Nummer war er eh schon. Pearl Jam müssen auch nichts mehr (Anm. d. Red: außer mal nach Hamburg kommen!), können aber sehr wohl noch. Oder, um es einmal anders zu sagen: vor ein paar Tagen bekam ich einen Anruf von meiner Schwester, die mich fragte, ob ich das letzte Pearl Jam Album habe, sie hätte da nen Song gehört, den sie toll fand, alles, an das sie sich erinnern konnte durch google gejagt und festgestellt er sei von genau dem Album. Ich hatte keine Ahnung, welchen Song sie meint, wollte es unbedingt herausfinden, bis sie fortfuhr, sie habe sich dann daran erinnert, wie verliebt sie damals mal in Eddie Vedder war und wie toll “Jeremy”. Es folgte ein Austausch gemeinsamer Erinnerungen und ein langes Telefonat. Ganz am Ende die Erkenntnis: es ist das große Ganze, das zählt und mit ein wenig Abstand verblasst die Erwartung noch mal die Begeisterung wie mit 14 zu spüren und man freut sich über die Erinnerung. Kaufen! (mh)